Willkommen in Wien. Der Stadt der Melange, der Biedermeierfassaden, der pseudo-sozialen Gerechtigkeit – und einer politischen Landschaft, die sich so langsam bewegt wie die Linie D im Schneefall. Am 27. April 2025 wird in der Bundeshauptstadt gewählt. Doch was steht eigentlich zur Wahl? Neue Ideen? Visionen? Nein – es steht zur Wahl, welche Partei am besten darin ist, die seit Jahren schwelenden Probleme mit neuen PR-Slogans zu bemänteln. Und das in einem politischen Klima, das von Taktieren, Vorverlegungen und parteitaktischen Winkelzügen geprägt ist, statt von tatsächlicher Problemlösung.


Demografischer Wandel: Willkommen im Generationen-Wunderland

Die Bevölkerung Wiens wächst, wird jünger, aber gleichzeitig auch älter – eine paradoxale Dynamik, wie sie nur in dieser Stadt gedeihen kann. Während die einen nach coolen Coworking-Spaces in Ottakring suchen, überlegen die anderen, wie sie mit Rollator und Mindestpension durch das Pensionssystem stolpern. Das Problem: Stadtplanung, Infrastruktur und Sozialpolitik bleiben irgendwo in den 90ern stecken – also dort, wo SPÖ-Wahlplakate immer noch am besten wirken.

Statt generationengerechter Konzepte gibt es Alibiprojekte, von der „Pflegeoase“ bis zur „Jugendzone“, deren Budget kleiner ist als das für die nächste Rathaus-Veranstaltung mit Gratis-Gulasch. Die demografische Uhr tickt, aber in Wien hört man sie nicht – hier wird sie übertönt vom selbstzufriedenen Ticken des politischen Stillstands.


Wohnraumbedarf: Der Mythos vom leistbaren Wohnen

Die Zahlen sind klar: Wien braucht mehr leistbaren Wohnraum. Die Stadtregierung kontert mit einer Bauoffensive – 16.100 neue geförderte Wohnungen. Klingt nach viel, ist aber kaum mehr als ein PR-Fleckerlteppich auf einem Flickenteppich aus Gentrifizierung, Abrissromantik und Investorenhimmel.

Was man nicht dazusagt: Wer heute eine Gemeindewohnung beantragt, könnte auch gleich ein Studium in Theologie beginnen – beides dauert ewig und endet mit der Erkenntnis, dass der Glaube nicht immer hilft. Gleichzeitig explodieren die Preise im privaten Sektor, während neue Luxuslofts wie Pilze aus dem Beton sprießen. Leistbar? Ja, vielleicht – für ausländische Investoren mit Schweizer Bankkonten.


Klimaschutz und Nachhaltigkeit: Grüner wird’s nicht – außer im Prospekt

Wiens Klimaziele sind ambitioniert – zumindest auf dem Papier. Die Realität? Eine Stadt, die sich mit Smart-City-Strategien und CO2-Reduktionsplänen selbst feiert, während sie gleichzeitig darüber diskutiert, wie viele Tausend Liter Beton für den nächsten Verkehrsmegatunnel nötig sind.

Der Klimawandel lässt sich offenbar mit Broschüren und Wettbewerben bekämpfen, in denen Volksschulkinder Solarhäuser aus Legosteinen bauen. Die tatsächliche Reduktion von Emissionen bleibt derweil Wunschdenken – oder wie man in Wien sagt: ein schönes Schlagwort für den nächsten Gemeindebrief.


Soziale Integration: Parallelgesellschaften, aber bitte mit Schmäh

Wien ist stolz auf seine kulturelle Vielfalt – zumindest solange diese sich auf Kulinarik und Integrationspreise beschränkt. Doch wer in die Bezirke schaut, sieht urbane Segregation, wie sie in Lehrbüchern beschrieben wird: soziale Brennpunkte, ethnische Cluster, Parallelrealitäten.

Die Antwort der Politik? Integrationsbeauftragte mit PowerPoint-Folien und Aktionstage mit Trommelworkshops. Wer Integration als Prozess ernst nimmt, wird schnell merken: In Wien heißt Integration oft, dass sich die einen ein bisschen anpassen und die anderen wegziehen. Der Schmäh rennt, aber die Gesellschaft läuft auseinander.


Verkehrsinfrastruktur: Der Tunnelblick der Vernunft

Die Lobautunnel-Debatte ist ein Paradebeispiel für Wiens schizophrenen Zugang zur Infrastruktur. Einerseits möchte man nachhaltige Mobilität fördern – andererseits plant man einen Mega-Autotunnel durch ein ökologisch sensibles Gebiet. Die Bauwut trifft auf Widerstand, aber wer laut „Klimaschutz“ ruft, bekommt den Vorschlag, sich doch ein E-Auto zu kaufen.

Man schafft es, gleichzeitig über das 1-2-3-Ticket zu philosophieren und neue Verkehrsachsen für Blechlawinen zu entwerfen. Das ist keine Mobilitätsstrategie – das ist ein absurdes Theaterstück, das nicht einmal Elfriede Jelinek erfinden könnte.


Energieversorgung: Abhängigkeit mit Ansage

Wien Energie hat sich vorgenommen, bis 2025 kein russisches Gas mehr zu beziehen. Klingt wie ein guter Vorsatz – ähnlich dem eines Kettenrauchers, der an Silvester verkündet, er werde ab morgen joggen. Die Energieabhängigkeit ist hausgemacht, jahrzehntelang gepflegt und nun plötzlich ein Problem, das man mit ein paar Umstrukturierungen lösen will.

Die Realität: Der Umbau dauert, kostet Milliarden, und niemand weiß genau, woher die Energie der Zukunft eigentlich kommen soll. Aber Hauptsache, der Heizkostenzuschuss wird medial so präsentiert, als hätte man gerade das Weltklima gerettet.


Sicherheit und Kriminalität: Mehr als nur ein Gefühl

Die Mordserie an Obdachlosen 2023 hat gezeigt, wie fragil das Sicherheitsgefühl in der Stadt tatsächlich ist. Statt echter Ursachenforschung und struktureller Maßnahmen wird lieber am Bild Wiens als „sicherste Stadt der Welt“ festgehalten – mit einer PR-Sturheit, die ihresgleichen sucht.

Dazwischen: eine Polizei, die oft mehr auf ihre Budgetkürzungen als auf ihre Einsätze fokussiert ist. Sozialarbeit wird ausgelagert, Streetworker unterbezahlt – und wenn’s eskaliert, ist plötzlich niemand zuständig. Willkommen in der Verantwortungslosigkeit, liebe Stadtregierung.


Bildung und Integration: Wenn Pisa ein Wiener Kaffeehaus wäre

Wien hat viele Schulen. Und wenig Bildung. Das klingt polemisch – ist aber die Bilanz unzähliger Studien, in denen Wiens Schulsystem regelmäßig in den unteren Rängen landet. Besonders betroffen: Kinder mit Migrationshintergrund. Und was macht die Politik? Deutschförderklassen, die eher an Internierungslager für Wörter erinnern, und Bildungsreformen, die schon bei der Ankündigung einschlafen.

Integration durch Bildung? Ja. Aber bitte ohne Ressourcen, ohne neue Pädagog*innen und ohne mutige Lehrpläne. Dafür mit Theaterprojekten über „Vielfalt“ und Wandtattoos in der Direktion.


Vorverlegung der Wahl: Demokratie mit Ablaufdatum

Die vorgezogene Wien-Wahl ist nicht einfach ein Verwaltungsakt. Sie ist ein Signal – und zwar ein sehr durchschaubares. Kritiker sprechen von parteitaktischem Kalkül, Medien von „unerwartetem Schritt“, aber in Wahrheit ist es nur die Fortsetzung jener Politik, die lieber an Timing und Optik feilt als an Lösungen.

Die Botschaft lautet: Besser schnell wählen, bevor die nächsten Skandale auffliegen oder die letzten Fassade bröckelt. Wien wählt – aber was bleibt zur Auswahl?


Umfragen und Wählerstimmung: Die Sehnsucht nach dem kleineren Übel

Die FPÖ verliert bei jungen Wählern, linke Parteien gewinnen, aber das Vertrauen in die Politik als Ganzes ist im freien Fall. Wahlkampf heißt 2025: die Hoffnung, dass der Mitbewerber noch unfähiger ist.

Was bleibt, ist eine Stadt, die sich selbst hypnotisiert – mit dem Mythos der sozialen Vorzeigestadt, während dahinter längst die Fassaden bröckeln. Wer diese Wahl gewinnt, darf sich mit dem Titel „Verwalter des Stillstands“ schmücken – zumindest bis zur nächsten Sinnkrise.